Murphys law regiert.

Es fällt mir gerade schwer hier zu schreiben. Auch wenn ich gedanklich jeden Tag vorbeischaue. Aber erstens komme ich bei meinen Auf und Abs gerade selbst kaum hinterher. Die Berge und Täler meiner Gefühlslandschaft gleichen gerade der österreichischen Gegend, in der ich aufgewachsen bin. Kaum oben angekommen, geht es schon wieder steil bergab. Aber nirgendwo so ein idyllisches Almhüttchen, in dem man es sich mal einfach ein paar Tage gemütlich machen und die Aussicht von oben genießen könnte.

Zweitens hacke ich gerade wieder zu sehr auf mir herum, um vernünftig schreiben zu können. Der fiese Zwerg in meinem Kopf (oder die fette Königin) lässt kein gutes Haar an mir. Und wann immer ich loswerden möchte, was mir auf dem Herzen liegt, was in meinem Kopf Runden dreht wie im Kettenkarussell (bis mir schwindlig ist), äzt er im Hintergrund: Jetzt jammert sie schon wieder. Jammerjammerjammer. So zimperlich, so hysterisch, so armselig. Man denke nur an die Menschen, denen es viel schlechter geht. Und sie sitzt hier im Warmen, den Kühlschrank voll und tut sich selber leid. Wohlstandsverwahrloste Selbstmitleidstussi.

Also was soll ich erzählen davon, dass in meinem Leben schon wieder alles schiefgeht, was nur schiefgehen kann. Wenn es Nebenwirkungen gibt, dann habe ich sie. Wenn Komplikationen auftreten können, bei mir tun sies ganz sicher. Shit happens ist mein Sternzeichen. Und ich sehe natürlich in allem einen Wink des Schicksals, noch einen Fingerzeig mehr, der mir endlich klarmachen soll, dass sowieso alles vergebens ist. Dass ich ein hoffnungsloser Fall bin. Dass ich einfach so schlechte Karten habe, dass es purer Wahnsinn ist, nicht zu passen und auf eine neue Runde zu hoffen.

Ja wir haben 2012 (Schicksalsjahr!) und überall nicken alle wissend wenn ich von dem Riesenhaufen Durcheinander erzähle, der mein Leben gerade ist. Jaja, da kommt grad vieles zusammen. Offenbar geht es gerade nicht wenigen genauso. Eine Zeit der Reinigung und Verabschiedung von Altem, interpretieren die einen. Oder der Anfang vom Ende orakeln die anderen. Und ich erwische mich immer öfter dabei, dass ich hoffe, dass am 21.12. wirklich Schluss ist. Ich würde die Korken knallen lassen. Aber echt.

Neustart.

Str+Alt+Entf.

Endlich, der Neustart. Die Trennung, die sich nun über eineinhalb ungeheuer anstrengende Jahre hingezogen hat, ist endlich vollzogen. Letzten Freitag hat er seine letzten Sachen abgeholt. Und nun ist er – ich kann es kaum glauben – endlich vorbei, dieser furchtbar schmerzhafte, zermürbende, unsinnige, grausame Rosenkrieg. Den ich nie wollte. Den niemand gewinnen kann. Der nur Verlierer zurücklässt.

Ich erinnere mich noch so gut, wie ich im vergangenen Jahr in der Klinik tief in mir drin gespürt habe, dass ich gehen muss. Und dass es mir absolut unmöglich schien. Wie oft mich in den letzten Monaten das Gefühl, dass ich mich aus dieser Beziehung nicht befreien kann, gewürgt hat wie eine unsichtbare Hand. Ich dachte es würde nie vorbei sein.

Jetzt ist es vorbei.

Auf dem Schlachtfeld zwei verletzte Menschen, blutend, geschwächt, erschöpft, enttäuscht, traurig, wütend. Dass es so enden musste, erscheint mir so unwürdig. Die Liebe, die einmal da war, zu zerfleischen, bis nur noch wertlose Fetzen übrig sind. Ich hatte das befürchtet. Jetzt muss ich es akzeptieren. Loslassen. Weitergehen. Heilen.
Neu anfangen.

Als die Anspannung endlich nachgelassen hat war da so viel Erschöpfung, dass ich dachte, ich könne nie wieder aufstehen. Aber schon wenige Tage später spüre ich, dass ich wieder an Kraft gewinne. Schon? Ja, schon. Ich staune. Scheinbar hatte Dr. B. recht als er meinte, ich würde unterschätzen wieviel Energie eine unglückliche Beziehung kostet. Die Lebenskraft, ja sogar Lebensfreude kommen in Wellen und schütteln mich durch. Ich bin überwältigt und unglaublich dankbar. Die Zuversicht wächst – ein zartes kleines Pflänzchen – in meinem Inneren. Ich kann es kaum glauben: Ich will leben.

Noch ein Comeback.

Ich will es wirklich versuchen, hier wieder regelmässig zu schreiben. Zuletzt habe ich es einfach nicht geschafft. Zu wenige Momente der Ruhe. Noch weniger Momente der Klarheit. Noch immer ein Dahintaumeln zwischen oben und unten, hell und dunkel.

Jetzt gibt es gerade keine Zweifel und Unschärfen mehr. Die Depression ist wieder da. Die altbekannten Gefühle. Erschöpfung. Die Hand an meiner Kehle. Die Angst vor den einfachsten Dingen. Und den Menschen. Die Panik. Die Zeiten, in denen nichts mehr geht außer am Boden zu liegen und an die Decke zu starren. Sich im Liegen festzukrallen, weil alles so bedrohlich wankt. Gleichzeitig die Hoffnung, das Gebäude könnte doch endlich einstürzen, der Boden sich erbarmen und mich verschlingen. Der nie versiegende Bach, der aus meinen Augen fließt. Ich bin nicht sicher, ob es Tränen sind. Ich weine nicht. Ich rinne einfach aus.

Die Depression – wer oder was ist das eigentlich? – hat mich wieder demütig gemacht. Mir scheint, wenn ich zu übermütig werde, zu selbstsicher, zu überzeugt davon, ich hätte eine Lösung, die Lösung gefunden, dann schaut sie mal wieder vorbei und gibt mir eins auf die Fresse. Nur nicht glauben, du hättest mich im Griff. Wer ist jetzt hier der Stärkere? 

Es erscheint mir wieder lächerlich, dass ich manchmal glaube, ich hätte diese Krankheit, dieses Phänomen jetzt durchschaut und mir diesen eitrigen Zahn gezogen. Genauso wie es mich gerade wieder unendlich wütend macht, mir kluge Ratschläge und populärpsychologische Floskel anhören zu müssen. Jaja, wir sind ja alle ab und zu ein bisschen depressiv, ich kenn das ja auch – da darf man den Kopf nicht hängen lassen. Muss sich ablenken. Freunde treffen. Bisschen Sport machen. Gut essen. Ist ja alles immer nur verdrängte Aggression. Bloß keine Medikamente nehmen, das ist ja nur eine Flucht. Du machst doch Yoga. Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Mach doch mal eine Familienaufstellung.

Nix für ungut. All das hilft wahrscheinlich.
Auch mir manchmal.

Aber nicht, wenn ich es nicht mal schaffe, von der Couch aufzustehen. Also lasst mich doch bitte damit in Ruhe. Und auch mit euren Erklärungen. Ich glaube nicht mehr an die Depression, die Erklärung, die Lösung. Mehr glaube ich daran, dass es Menschen gibt, die aus unterschiedlichen Gründen so traurig sind, dass sie aus dem Leben fallen.

Medikamente. Ein Lösungsweg. Ein Lösungsweg? Gerade habe ich sie alle abgesetzt. Jetzt will Dr. B. wieder darüber diskutieren. Fällt schwer nicht zu denken, dass jetzt alles wieder von vorne anfängt.

Hello darkness, my old friend.

Eine ganze Weile habe ich mich hier nicht blicken lassen. Es war zu viel los. Einerseits, weil ich gerade dabei bin mich beruflich selbständig zu machen und es da viel zu tun gibt. Andererseits, weil ich meine Gefühle nicht gut hätte in Worte fassen können. Ich habe mich wie ein Papierschiffchen auf dem großen Ozean gefühlt. Mitten im Sturm. Manchmal ganz oben auf der Welle tanzend – kraftvoll, befreit, glücklicher. Dann wieder untergetaucht, wild taumelnd zwischen den Strudeln. Heftig paddelnd und nach Atem ringend. Wahnsinnig traurig und voller Angst und Zweifel.

Die Trennung macht mir nach wie vor sehr zu schaffen. Nach einem langen Schweigen seinerseits ist nun ein Hin und Her an Mails entstanden, das meine Zweifel und Ängste und Sehnsüchte nährt. Er verhält sich wie immer, sieht mich immer noch nicht… und gleichzeitig zeigt er mir jene wunderbaren Seiten von ihm in ungekannter Deutlichkeit, die ich immer erahnt und nur in kurzen Moment haben aufleuchten sehen. Natürlich ist er auch liebenswert. Natürlich ist nach einem Schlussstrich plötzlich vieles möglich, was vorher nicht erkämpft werden konnte. Ich kenne das schon. Und dennoch macht es mich so traurig und unsicher.

Daneben der Kampf um meine berufliche Existenz, der chronische Geldmangel, die Zukunftsängste. Und die Quälereien mit meiner grotesken Familie. So manipulativ. So zermürbend. So übergriffig. So erniedrigend. Diese fundamentale Einsamkeit, die immer in mir pocht – gleich neben meinem Herzen, ein alles verschlingendes schwarzes Loch. All das kostet noch immer zu viel Kraft, die ich nicht habe.

Seit ein paar Tagen spüre ich, wie sich die Dunkelheit wieder auf mich legt. Wie frische Schneeflocken langsam und geräuschlos auf Zweigen und Blättern landen und sie allmählich unter sich begraben. Ich merke wie das Gewicht mir wieder das Atmen schwer macht. Wie der Gedankenstrudel längst nicht mehr nur mein Beziehungsleben verschlingt, sondern auch alles andere mit sich reisst und mit sich nach unten zieht. Bisher habe ich es immer wieder geschafft, mich gegen die Depression zu wehren, sie nicht hereinzulassen, sondern ihr die Türe vor der Nase zuzuschlagen. Der alten Hexe.

Aber jetzt kommt es mir lächerlich vor. Dass ich dachte, ich könnte das alles schaffen ohne wieder zurückzustolpern in dieses finstere Loch.

Jetzt ist sie wieder da, steht übermächtig vor mir und ich frage mich nicht mehr, ob die Trennung richtig war und wie schuldig ich bin. Ich frage mich: „Wozu das alles?“
Und gerade gibt es wieder keine Antwort.

Bild: Alfred Patuschka  / pixelio.de

At first I was afraid…

Dr. B. hat mich aufgefangen. Ich bin ihm so dankbar, er hat sich am Samstag Zeit genommen, mir einen Kaffee gekocht und mir Halt gegeben. Jetzt singt etwas ganz leise und vorsichtig in mir „I will survive“.

Ich sehe jetzt, dass ich nicht alleine bin. Dass es sich nur so anfühlt. Ich werde mit diesem Gefühl wohl durchs Leben gehen… verlassen, nicht liebenswert, allein zu sein. Vielleicht müssen wir das alle. Es geht gar nicht so sehr um die Trennung. Sie hat mich nur wieder in Kontakt gebracht mit etwas, das viel älter ist und viel mehr wehtut als der Abschied von meinem Ex.

Ich kann die Aufmerksamkeit, die mir entgegengebracht wird, jetzt wieder sehen und annehmen. Es gibt Menschen, die für mich da sind. Sie können nur nicht rund um die Uhr bei mir sein und mir die Hand halten. Das ist zu viel verlangt. Ich bin erwachsen und kein Säugling an der Nabelschnur mehr.

In der Klinik letzten Herbst habe ich mir als Ziel gesetzt, (mehr) Autonomie zu entwickeln. Jetzt habe ich die Gelegenheit dazu. Keine hat gesagt, dass es leicht wird.

Ohne Boden.

Es geht weiterhin abwärts. Im freien Fall, vielleicht bis ganz nach unten. Ich kann es nicht einschätzen. Ich merke gar nicht was los ist. Warum das Salzwasser ununterbrochen aus mir herauslaufen will. Ich kann gar nichts denken. Ich fühle nur den Schmerz und die Angst.

Ich weiß nicht, ob das nur der Trennungsschmerz ist oder ob mich die Depression wiederhat. Mit Dr. R. hab ich vereinbart, dass ich mich melde wenn ich a. mehr als 4 Nächte nicht schlafen kann oder b. mich an mehr als 6 Tagen depressiv fühle. Wenn ich mich an mein Versprechen halte, dann müsste ich ihn am Montag anrufen. Andererseits: Ist es vielleicht nicht krankhaft, sondern eher normal mehr als 6 Tage in Trauer und Angst  zu versinken, wenn man eine lange Beziehung beendet hat? Einen Menschen verliert, mit dem man zusammengewachsen ist, gemeinsame Wurzeln gebildet hat? Und jetzt muss man unter fürchterlichen Schmerzen alle Pflanzenteile kappen, die auf seine Seite hinüberwachsen. Wieder alleine stehen lernen.

Meine Beziehung hat mich nicht nur unendlich viel Kraft gekostet. Ich bin immer wieder erschüttert wenn ich jetzt vor diesem Trümmerhaufen stehe, der mein Leben ist und feststelle, wie sehr ich mich in den letzten Jahren aufgegeben habe. Ich gebe ihm nicht die Schuld. Er hat viel gefordert – aber ich habe ihm noch viel mehr gegeben. Ich habe so viel von mir einfach auf den Müll geworfen. Und ich meine das nicht nur, aber auch metaphorisch. Jetzt muss ich mühsam und auf ganz wackeligen Beinen alle Puzzleteile meiner Persönlichkeit wieder zusammensuchen. Bevor ich wieder allein stehen kann muss ich erstmal wissen, wer ich überhaupt (noch) bin.

Ich muss mich davon abhalten, mich wieder an ihm festzukrallen – aus Angst vor einem bodenlosen Absturz. Ich will ihn anrufen, mich entschuldigen, meine Schuldgefühle endlich loswerden, ihm seine Schmerzen nehmen und meine zumindest notdürftig versorgen. Ich will sagen: „Es war ein Fehler. Es tut mir so leid. Ich hasse mich dafür. Dass ich dir das angetan habe. Bitte verlass mich nicht. Lass mich nicht ganz allein im Dunkeln.“ Aber ich kann nicht. Ich weiß, dass es falsch wäre. Aber auch das hier, jetzt, fühlt sich nicht richtig an. Es tut zu weh.

Bild: Elke Sawistowski  / pixelio.de

Game over.

Heute habe ich in einem Buch folgendes gelesen:
„Nur in dem Maße, in dem wir uns wieder und wieder der Vernichtung anheimgeben, können wir das Unzerstörbare in uns entdecken.“

Gerade suche ich wieder verzweifelt in mir. Nach dem Unzerstörbaren. Nach dem warmen Herzen. Stattdessen fühle ich bisher nur: Vernichtung.

Ich habe mich von meinem Freund getrennt. Ich habe einen schon viel zu lange dauernden, kräfteraubenden Kampf beendet. Phasenweise dachte ich, dass ich es nie schaffen würde. Irgendwann wurde es denkbar. Dann möglich.

Mir war klar, dass es schmerzhaft werden würde. Aber ich hatte irgendwie gehofft, dass die Erleichterung die Schmerzen aufwiegen würde. Weit gefehlt. Ich spüre noch keine Erleichterung. Ich bin bis zum Zerreissen gefüllt mit Trauer, Schuldgefühlen, Schmerz, Einsamkeit und Angst, Angst, Angst. Immer wieder schlagen die Wellen über mir zusammen und ich bin nicht sicher, ob ich wieder auftauchen werde. Fürchte mich vor dem Alleinsein (ist da denn niemand?) und der Zukunft (für immer?). Zweifle an meiner Entscheidung und meinen Kräften. Kann ich das durchstehen, durchgehen durch diesen Sturm? Oder wirft es mich um und zurück in die Depression?

Irgendwo ganz tief in mir drin, brennt wie eine winzig kleine Kerze die Gewissheit, dass ich mich richtig entschieden habe. Auch wenn ich ihr Licht manchmal vor lauter Dunkelheit nicht sehen kann.

Bild: günther gumhold  / pixelio.de